Wenn's im Kiefer knackt und schmerzt. Die craniomandibuläre Dysfunktion. Ursachen, Symptome, Therapie.

Ein funktionierendes Kiefergelenk ist elementar für lebenswichtige Aufgaben wie Nahrungsaufnahme und Sprache. Tritt hier eine Problematik auf, fühlen wir uns in unserem Alltag deutlich eingeschränkt. Warum sich eine sogenannte Craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) entwickelt und was Sie dagegen tun können, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Was ist eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)?


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Eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) ist eine Fehlstellung des Unterkiefers zur unteren Schädelbasis. Das Kiefergelenk wird gebildet aus dem Kopf des Unterkiefers (lat. Caput mandibularis) und der Gelenkpfanne (lat. Fossa mandibulare) im Schläfenbein. Das Schläfenbein beherbergt außerdem den Gehörgang, wodurch sich Störungen des Kiefergelenks auch im Ohr bemerkbar machen können. Um eine reibungsfreie Gelenkbeweglichkeit zu ermöglichen, liegt zwischen den beiden Gelenkpartnern eine Art Bandscheibe (lat. Diskus). Das Kiefergelenk wird umgeben von einer sehr straffen Kapsel, wodurch das Kiefergelenk stabil und widerstandsfähig ist. 

 

Besonders wichtig im Zusammenhang mit CMD ist die Kaumuskulatur. Hierzu zählen vier Muskeln, die gemeinsam große Kräfte aufbringen können. Drei dieser Muskeln sind für den Mundschluss verantwortlich, einer für die Mundöffnung.

 

Hinter dem simplen Begriff der Fehlfunktion versteckt sich eine Vielzahl an Symptomen. Am häufigsten treten die folgenden Symptome auf (Cooper et al., 2007):

 

  • Schmerzen im Gesicht (96%)
  • Ohrenbeschwerden (82%)
  • Kopfschmerzen (79%)
  • Kieferbeschwerden (75%)
  • Des Weiteren können Beschwerden wie Schwindel, Tinnitus, Augenschmerzen und Verspannungen des Schulter-Nacken-Bereichs auftreten

 

In unserer interdisziplinären Zusammenarbeit auf wissenschaftlicher Grundlage mit Dr. Klemp & Partner Zahnärzte am Stephansplatz konnten wir in den letzten Jahren einen stetigen Anstieg von Patienten mit craniomandibulärer Dysfunktion (CMD) verzeichnen.

Welche Ursachen hat eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD)?


Grundsätzlich werden zwei Hauptrisikofaktoren für eine CMD unterschieden:

 

1.Zahnfehlstellungen (Malokklusion)

Wenn die Zähne des Ober- und Unterkiefers nicht harmonisch ineinandergreifen, spricht man von einer Malokklusion. Dies kann zum Beispiel durch genetisch bedingte Zahnfehlstellungen entstehen. Auch fehlende Zähne, nicht gut sitzende Kronen oder Füllungen können eine Malokklusion zur Folge haben. Doch nicht nur Fehlstellungen direkt im Kieferbereich können zur Malokklusion führen. Auch Einschränkungen in der Halswirbelsäule können zu einer veränderten Belastung des Kiefers und der Zähne führen.

Die Muskulatur von Kiefer und Gesicht versucht nun reflektorisch den unharmonischen Biss auszugleichen, wodurch eine erhöhte Muskelspannung entsteht. Geschieht dies über einen längeren Zeitraum, resultieren daraus schmerzhaft verspannte Muskeln und eine CMD manifestiert sich.

 

2. Erhöhtes Stresserleben 

„Da musst du jetzt einfach die Zähne zusammenbeißen!“ 

„An dem Thema habe ich mir echt die Zähne ausgebissen!“

 

Schon diese Metaphern zeigen, dass Zähne und Stress im Sprachgebrauch eng miteinander verbunden sind. Heutzutage ist Stress bei vielen ein ständiger Begleiter im Alltag. Die Zeit sitzt uns im Nacken, unzählige Aufgaben, sowohl beruflich als auch privat, wollen schnell und fehlerfrei erledigt werden. Oft bleibt da keine Zeit mehr für Erholung und Entspannung. Nachts jedoch, wenn das Bewusstsein ruht und keine Informationen mehr auf uns einprasseln, werden viele Themen des Alltags vom Unterbewusstsein verarbeitet. Das macht sich in unruhigen, vielleicht sogar schlaflosen Nächten bemerkbar. Oft wacht man morgens auf, fühlt sich aber nicht im Geringsten erholt oder entspannt. Ganz im Gegenteil: Meist fühlt sich die Muskulatur des Kiefers und Nackens morgens sehr steif und schmerzhaft an, häufig begleitet von Kopfschmerzen oder sogar Migräne. Grund dafür ist nächtliches Zähneknirschen oder -pressen, im Fachjargon Bruxismus genannt.

 

Im Praxisalltag wird häufig klar, dass die Ursache für die Beschwerden in einem sehr stressigen Alltag liegt. Somit stellt das Stressmanagement einen zentralen Baustein der Behandlung dar.

Wie kann eine craniomandibuläre Dysfunktion (CMD) behandelt werden?


Viele PatientInnen mit einer CMD gehen zuerst auf Grund von Zahnschmerzen zum Zahnarzt. Meist fällt dann erst durch die zahnärztliche Untersuchung auf, dass die Zahnsubstanz bereits durch nächtliches Pressen oder Knirschen reduziert ist.

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„Für die Einleitung einer optimalen Therapie führen wir zunächst eine ausführliche und umfassende Diagnostik, gegebenenfalls mit einer Funktionsanalyse des Kausystems, durch. Stellt sich dabei heraus, dass größere funktionelle Probleme Ursache des Zähneknirschens sind, kann in Zusammenarbeit mit Kieferorthopäden und Physiotherapeuten eine Korrektur der Zahnfehlstellungen oder Fehlbisse durchgeführt werden. Das Mittel der Wahl, um Zähne und Zahnsubstanz vor hohen Druck- und Scherkräften beim Knirschen zu schützen, ist dann eine Aufbiss-Schiene. Sie wird in unserem Zahntechniklabor mit äußerster Präzision individuell angefertigt, so dass ein komfortabler Sitz gewährleistet ist. Die leichten Kunststoff-Schienen werden nachts getragen“.

 

Dr. Klemp & Partner Zahnärzte am Stephansplatz

Erkennt Ihr Zahnarzt bei Ihnen eine CMD, verschreibt er Ihnen möglicherweise zusätzlich zu den zahnärztlichen Therapiemöglichkeiten Physiotherapie oder Manuelle Therapie.

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Zu Beginn der Physiotherapie wird ein eingehender Befund gemacht, der zeigt, welche Strukturen betroffen sind. Die Ergebnisse des Befundes stellen die Weichen für eine zielgerichtete Therapie. 

So kann entschieden werden, ob der Fokus der Therapie auf sanfter Gelenkmobilisation, Weichteiltechniken für die Muskulatur oder einer Behandlung der Halswirbelsäule liegen sollte. 

Außerdem wird im Rahmen von Physiotherapie oder Manueller Therapie mit Ihnen eine verbesserte Wahrnehmung für den Kiefer und den Mundraum erarbeitet, sodass Sie auch im Alltag bewusst darauf achten können, die Zähne nicht aufeinander zu pressen.

 

Wie oben bereits beschrieben, besteht ein deutlicher Zusammenhang zwischen erlebtem Stress und Verspannungen der Kiefermuskulatur. Daher wird mit Ihnen in der Physiotherapie ein Stressmanagement entwickelt, dass Ihnen helfen wird die eigentliche Ursache für die Beschwerden zu beheben.

 

Zu einem erfolgreichen Stressmanagement zählt vor allem, eine geeignete Entspannungstechnik zu finden. Hier kommen zum Beispiel Autogenes Training, Progressive Muskelentspannung und/oder Yoga zum Einsatz.

 

Autogenes Training arbeitet mit der konzentrativen Wahrnehmung von Körperschwere, Körperwärme und Entspannung. Dadurch kann eine von innen kommende Entspannung generiert werden.

 

Die Progressive Muskelentspannung hingegen funktioniert über das bewusste Anspannen und Entspannen von sämtlichen Muskelgruppen des Körpers. Auch die Kiefermuskulatur wird während der Einheiten bewusst angespannt und im Anschluss bewusst entspannt. Dadurch erhöht sich auch die Wahrnehmung für die entsprechende Region.

 

Dass auch Yoga einen positiven Einfluss auf die Entspannungsfähigkeit hat, konnte bereits in vielen Studien nachgewiesen werden. Zusätzlich dazu profitieren auch Muskulatur und Gelenke. 

 

Dies sind nur einige Beispiele für Techniken, die für mehr innere Ruhe und somit für weniger Kieferpressen sorgen können. Wichtig ist, dass Sie eine Methode finden, die zu Ihnen passt.

 

Für eine erfolgreiche Behandlung ist es unabdingbar, dass Sie aktiv mitarbeiten. Dafür erhalten Sie ein spezifisches Übungsprogramm, das sowohl Übungen für das Kiefergelenk als auch für die Halswirbelsäule und den Nacken enthält. Das Programm ist so strukturiert, dass Sie alle Übungen ohne Equipment auch zuhause durchführen können.

Drei einfache Übungen gegen eine craniomandibulären Dysfunktion (CMD).


Übung Nr. 1:

  • Schieben Sie Ihren Unterkiefer abwechselnd von der rechten auf die linke Seite und zurück.
  • Wiederholen Sie diese Übung fünfmal.

Übung Nr. 2:

  • Legen Sie Ihre Hand seitlich an die Wange und üben Sie dabei leichten Druck auf den Unterkiefer aus.
  • Schieben Sie Ihren Unterkiefer gegen den Widerstand und halten Sie die Spannung für fünf Sekunden.
  • Wiederholen Sie diese Übung drei- bis fünfmal auf jeder Seite.

Übung Nr. 3:

  • Schließen Sie den Mund und schieben Sie den Unterkiefer nach vorn.
  • Halten Sie die Spannung fünf Sekunden lang und lösen Sie dann den Kiefer wieder.
  • Wiederholen Sie diese Übung drei- bis fünfmal.

Wissenschaftliche Ergebnisse zur craniomandibulären Dysfunktion (CMD)


Die Wissenschaft ist sich einig: Edukation (also Aufklärung) gilt als empfohlene initiale Maßnahme bei einer CMD. Nur so kann ein erfolgreiches Selbstmanagement entwickelt werden. Das Selbstmanagement sollte neben Stressmanagement auch gezielte Ruhezeiten für den Kiefer, Selbstüberwachung der Symptome, Entspannung und einen Self-Care-Plan enthalten (Dworkin et al, 2002).

 

Wie so ein Self-Care-Plan aussieht, wird mit Ihnen gemeinsam in der individuellen Behandlung erarbeitet.

Außerdem zeigen Studien, dass Physiotherapie zusätzlich zur Edukation sich positiv auf Schmerzen und Funktion des Kiefergelenks auswirkt (Randhawa et al, 2016, Armijo-Olivo et al, 2016).

 

Falls Sie unter einer CMD leiden und Ihr Zahnarzt Ihnen Physiotherapie oder Manuelle Therapie verschrieben hat, vereinbaren Sie gerne einen Termin mit uns. Gemeinsam mit Ihnen finden wir eine individuelle Lösung und verhelfen Ihnen so zu einem beschwerdefreien Alltag und ruhigen Nächten.

 

Wir freuen uns auf Sie!

 

Sina Hefner, Daniel Wieland

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